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Plot: Yellow Press Road...
oder: Wie man seinen Mieter vermöbelt.
#1
Yellow Press Road…
oder: Wie man seinen Mieter vermöbelt.
 
Sherlock Holmes & Mrs. Hudson | 04. Februar | Baker Street
 
Martha starrte auf die Titelseite des Daily Mirror und konnte es nicht fassen. Normalerweise kaufte sie dieses Klatschblatt ja nicht; ihre Portion Klatsch erhielt sie bei ihrer wöchentlichen Bridge-Runde. Aber diese Schlagzeile hatte doch so sehr ihre Aufmerksamkeit erregt, dass sie die £ 1,99 aus der Geldbörse gekramt und die heutige Ausgabe am Kiosk gekauft hatte. Seitdem saß sie hier in ihrer Küche und starrte auf die Titelseite. Also, die Hauptschlagzeile war irgendwas über die Royals, wer wen nicht leiden konnte oder so, das interessierte sie nicht die Bohne. Nein, es ging um einen etwas unscheinbareren Abschnitt unten links. Banküberfall in London! Verdächtiger mit fünfstelliger Summe auf der Flucht. Nun gut, in einer Millionenstadt wie London gab es natürlich Verbrechen und auch Banküberfälle. Doch das Foto des 'Verdächtigen', das darunter abgebildet war, ließ die rüstige Rentnerin Schnappatmung kriegen. Charles Smith, Raymonds Stiefvater und ein Mann, den sie seit Jahren kannte und gut einschätzen konnte. Er arbeitete schon ewig in dieser Bank und war er zu prüde als abenteuerlustig. Nie im Leben hätte er seine eigene Bank überfallen, um dann mit der Beute abzutauchen und alle im Stich zu lassen. Hier stimmte etwas nicht!
 
Also tat Mrs. Hudson, was Scotland Yard tat, wenn etwas mit ihren Fällen nicht stimmte: Sie heuerte Sherlock Holmes an. Mit der Zeitung in einer Hand und der anderen Hand am Treppengeländer – sie war schließlich nicht mehr die Jüngste – erklomm sie die Treppe zur Wohnung ihres Mieters.
 
"Sheeeerlock…", tönte es da bereits in einer wohlbedachten Mischung aus Empörung und weinerlicher Quengelei, damit ihr Mieter sie auch ja nicht überhören konnte. "Sind Sie zu Hause?"
 
Natürlich war er zu Hause, sonst würde sie sich nicht die Treppe rauf mühen. Aber Mister Holmes mochte es, alle anderen für minderbemittelt zu halten, soviel hatte sie inzwischen verstanden. Und da sie etwas von ihm wollte, sollte er diesen Triumph ruhig haben.
 
"Ich habe einen Fall für Sie. Den müssen Sie sich unbedingt ansehen."
 
Am oberen Treppenabsatz angekommen hielt sie nach dem Detektiv Ausschau.
[Bild: o6vfhsl7.png]
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#2
Wissen Sie wie das ist, wenn eine glühendheiße Klinge durch ihr Gehirn schneidet und dabei tiefer und tiefer in das sehr weiche Zerebral-Gewebe fährt?
Sicher... die Hitze kauterisiert alles auf der Stelle, weshalb Sie nicht sofort verbluten würden.
Wissen Sie nicht?
Gut! Nur so für die Akten: Auch wenn nach dem Kleinhirn und dem Hirnstamm und dem Zwischenhirn es im Großhirn die meisten Nervenbahnen hat, so kann ich Sie beruhigen: Schmerzrezeptoren sind dort verhältnismäßig wenige vorhanden.
Aber Schmerz ist ohnehin eine Illusion. Ein Erzeugnis zur Manipulation von Verhaltensmustern. Ein Mechanismus zur Eingrenzung in ein einengendes Geflecht aus Paradigmen und Grundsätzen, die wiederum so fahrig sind, wie die Flatulenzen eines Gluteenunverträglichen in einem regulären Kuchengeschäft...
Aber zurück zu dem "Schmerz"...
Eben gerade verspüre ich einen solchen erneuten Konditionierungsimpuls, mehr als deutlich...


Sherlock seufzte kellertief und fahrig flatterten seine Augenlider empor, um die blutgeäderten Augenäpfel dem stechenden Licht zu offenbaren, dass durch die beiden hohen Fenster in das Wohnzimmer fiel.
Mit überstrecktem über die Lehne nach hinten gelagertem Kopf ruhte er auf der knarzigen Ledercouch, die eigentlich schon längst ein Fall für den Sperrmüll war und dessen Polster so weich und nachgiebig erschienen wie ein Block Weißbrot.
Der hagere Mann trug immer noch Pyjama und Morgenmantel, obwohl es schon nach Mittag war.
Aber irgendwo auf der Welt war just in diesem Moment Nacht und wer konnte ihm schon vorschreiben, was er trug. Niemand!
Und wenn er eine gebratenen Truthahn auf dem Schädel durch die Straßen von London tragen würde... Es war London!!! ALSO WEN INTERESSIERTE ES?!?!

Sie sollten diese Idee mit dem Truthahn übrigens nicht praktizieren. Außer Sie legen darauf Wert von Hunden, Katzen und Bettlern belagert zu werden...

"NEIN! BIN ICH NICHT!
HIER IST NUR MEIN GEIST! "
, schrie der Consulting Detektive grollend zurück, ohne einen Hehl daraus zu machen, dass ihn allein diese idiotische Frage schon fast auf die Palme brachte.
Seine Vermieterin war nicht mehr die Jüngste, aber von Senilität - also in intensiverer Weise, als sie ohnehin schon bei den meisten Vertretern der Weltbevölkerung seit ihrer Geburt vorhanden war - konnte man bei der rüstigen Rentnerin nicht reden.
Sie hatte ihre Augen und Ohren überall; wenn sie nicht gerade lautstark ihre Musik aufdrehte.
Ihr musste also sehr wohl bewusst sein, dass Holmes anwesend war.
Wie auch schon die letzten 8 Tage, 15 Stunden und... Sein Blick huschte kurz zur Wanduhr ... 18 Minuten. 19....

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als Mrs. Hudsons Gebrüll - ihre Ingwerkekse jetzt ausgeklammert: Langeweile!
Mein Kopf ist ein Hochleistungsmotor.
Er will ausgefahren werden.
Auf Leistung gebracht.
Da nutzt es wirklich nichts, wenn man parallel Schach gegen sich selbst spielt, noch einmal "Viel Lärm um nichts zitiert" (eines der schlimmsten Stücke von Shakespeare), dazu dann gedanklich ein paar Noten in seinem neuen Geigenstück ergänzt und gleichzeitig noch die beiden Erstwerke von Max Dellbrück und Jules Bordet gegeneinander aufwog und analysiert.


Wieder fielen seine Lider zurück und sein Körper sank noch etwas tiefer ins Leder.
Der langgliedrige Körper lag auf dem viel zu kurzen Sitzmöbel wie eine verbogene Stange, Kopf über die eine Seitenlehne; ein Bein über die andere.
Ein Arm schlaff an der Seite herunter, der andere abgestützt gegen das Rückenpolster. Alles in allem eher den Eindruck eines verwahrlosten Penners hinterlassend, was nicht nur der karge Bartwuchs unterstrich und das durchaus schon wahrnehmbare Aroma an dem Mann, der offenbar wieder in einer seiner Phasen gefangen war, in denen er sich alles versagte.
Erst recht, sich um seinen Körper und dessen Bedürfnisse zu kümmern.
[Bild: 30150124xf.jpg]
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#3
"Ach, reden Sie doch keinen Unsinn! Geister gibt es nur im Märchen.", gab Mrs. Hudson mit sanftem Tadel zurück; wie einem Kind gegenüber, dem man schon hundertmal erklärt hatte, dass es den Weihnachtsmann nicht gab.
 
Und eigentlich nicht mal dort. Schließlich wurde Rotkäppchen wohl kaum vom ruhelosen Geist der toten Großmutter in den Wahnsinn getrieben, sondern von einem Wolf gefressen. Welche Variante weniger Alpträume auslöste, sei mal dahingestellt. Mrs Hudson betrat in einem schlichten, dunkellila Samtkleid das Wohnzimmer ihres Mieters und fand ihn auf der Couch liegend vor. Er trug selbst zur Mittagsstunde noch immer seinen Morgenmantel – und darunter etwa einen Pyjama?! – und machte den Eindruck, als hätte er seit drei Wochen eine schwere Grippe oder seit drei Tagen einen Vollrausch. Wie ein Penner lag er da und genauso roch es hier auch. Falls ein Stich von Sorge durch Marthas Herz fuhr – was durchaus möglich war –, verbarg sie das gut unter Tatendrang. Demonstrativ rümpfte sie die Nase.
 
"Du meine Güte, Sherlock, wann haben Sie hier zum letzten Mal durchgelüftet?", wollte sie wissen und marschierte direkt zum Fenster, um es sperrangelweit zu öffnen. Die feuchte Kühle des typischen Londoner Winters strömte herein. "Im Souterrain habe ich bereits Schimmel und wenn sich der bis hierher ausbreitet, stelle ich Ihnen die Reparatur in Rechnung."
 
Damit das gleich mal klar war! Hauptsächlich wollte sie mit der frischen Luft freilich Sherlocks Lebensgeister wecken und nicht etwa Schimmelbefall verhindern. Martha trat ans Sofa und hielt ihrem Mieter den Daily Mirror hin.
 
"Hier, sehen Sie sich das an! Das kann doch einfach nicht wahr sein! Ich kenne diesen Mann, er würde so etwas nie tun."
 
Freilich fiel Mrs. Hudson nicht auf, dass sie Sherlock die Schlagzeile über die Royals entgegen streckte, sodass ihre Worte ein klein wenig skurril – oder fanatisch – klingen mochten.
[Bild: o6vfhsl7.png]
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#4
So wie die These, dass alle Menschen intelligent sind.
Natürlich wurde diese These von Menschen aufgestellt, die sich selbst für intelligent halten.
Aber ich stelle in diesem Zusammenhang gern den Vergleich auf, wie die eher animalische Intelligenz eines Delfins mit der eines Homo Sapiens Sapiens auf einen Nenner zu bringen.
Dabei muss ich nicht betonen, dass in meiner These der Rest der Menschheit für einen Fisch Tricks aufführt, während ich dann doch lieber Messer und Gabel bevorzuge...


Er mochte die schrullige Frau ja wirklich.
Aber sie konnte einem wirklich, wirklich, WIRKLICH manchmal den letzten Nerv rauben. Wie auch übrigens 99,99% der Weltbevölkerung.
Das schneidende Gefühl in seinem Schädel intensivierte sich, als Mrs. Hudson auf einmal meinte pure Natur ins Zimmer herein lassen zu müssen.
Der hagere Mann fröstelte schlagartig, als eine kalte Briese durch den Kragen über seine etwas schwitzige Brust fuhr, um sich sofort mit einem genervten Knurren zusammen zu rollen, den Bademantel eng um seinen ausgezehrten Körper geschlungen. Für seine Größe war Sherlock ohnehin schon alles andere als gesund normalgewichtig, aber durch seine gedankliche Abwesenheit der letzten Wochen hatte er sicherlich noch mal um die 5 Pfund verloren.
Diese Langeweile brachte ihn um.

"Ist es nicht jetzt eigentlich Zeit für Ihre Daily Soap, Mrs. Hudson??", knurrte er mit dem nun zugedrehten Rücken zu Martha gewandt, bevor ihm der Geruch von Illustrierten-Tinte in die Nase stieg und sofort wieder Teile in seinem Gehirn ansprangen.
Das Knistern des Papiers. Newspaper... Großformat...
Das intensive Aroma der Druckerschwärze, gemischt mit denen anderer, die deutlich auf einen Mehrfarbdruck schließen ließ. Sehr intensiv... Sehr bunt...
Sherlock schauderte etwas angeekelt. Yellow Press. Aber die Gossip-Sparten waren durchaus ab und an Gold wert... Jedoch die restliche Berichterstattung ein Witz.
Instinktiv wandte er sein Gesicht noch mehr ab und kniff die Augen zusammen, um ja nicht von dem visuellen Übel übergroßer Buchstaben erschlagen zu werden, die schon im Titel eigentlich den Inhalt des gesamten Textes auf polarisierende Weise komprimieren, dass ja die armen Gehirne der Menschen nicht noch mehr gefordert werden, sich womöglich aus dem Inhalt selbst ein Bild zu machen. Oder noch schlimmer: Querverweise mit anderen Quellen herzustellen.

Seine Vermieterin neigte zum Übertreiben.
Aber es sei ihr ab und an verziehen. Quatsch!
Sherlock ignorierte es einfach. Wie so vieles. Würde er sich wirklich um alles kümmern, wäre es, wie Sand in das Getriebe seiner Denkprozesse schütten.
Die These, dass eine schnelle Gruppe, langsamere Mitglieder dazu animieren würde, sich ebenfalls schneller zu bewegen, ist übrigens Humbug.
Es tritt der gegenteilige Effekt ein. Rücksichtnahme auf langsamere ist ergo ein Fehler.
Gruppenzwang ist so... voraussehbar.


"Bitte keine Zitate aus irgendwelchen billigen Detektiv-Filmen!"
Diese Aussage fiel bei fast jedem Verbrechen, wenn man das Umfeld fragte. Egal ob bei Terroristen oder Mördern. Hakt man nach, erhält man oft Unverständnis. Dass man sich das nicht erklären könne, dass die Person X niemals zu so einer Tat fähig wäre.
Gräbt man jedoch tiefer sind die Vorzeichen so prägnant, dass sich jeder, der so eine Aussage jemals getätigt hat, niemals wieder irgendwelche Behauptungen aufstellen sollte.
Das wäre mein Ratschlag dazu.


Um seinen Unwillen, sich mit ihrem Belang abzugeben zu unterstreichen, rollte sich der Detektiv noch mehr zusammen, schlug den Kragen seines Bademantels hoch und umklammerte mit seinen schlanken Fingern intensiv das Revers des Mantels, um sein Gesicht tief in den Stoff zu versenken, der wirklich intensiv nach ihm roch, wie er nun im Kontrast zur Druckerfarbe feststellen musste.
[Bild: 30150124xf.jpg]
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#5
Also, wirklich, dieses knurrende Herumdrehen und das Zusammenziehen des Bademantels war doch ziemlich übertrieben! Sherlock sollte sich mal nicht so anstellen wie ein Seehundbaby, dem die Mutter abhanden gekommen war. Frische Luft hatte noch niemanden umgebracht und sie waren hier schließlich in London und nicht in Sibirien. Da wurde es doch sowieso nie richtig kalt. Ein wenig Sorgen machte sich Martha allerdings schon. Er war wirklich sehr dürr geworden in letzter Zeit, obwohl er ja noch nie ein Muskelpaket gewesen war.
 
"Woher wissen Sie, dass ich Coronation Street…" Mrs. Hudson brach die Frage ab, als sie sich daran erinnerte, welche Ausmaße eine Antwort annehmen konnte. Bestimmt hatte er aus einem Fussel an ihrem linken Pantoffel geschlussfolgert, welchen Charakter aus der Serie sie am meisten mochte oder so. Sie hatte ja keine Ahnung, wie er das immer anstellte, und es war schon ziemlich faszinierend. Allerdings hatte sie nicht den ganzen Tag Zeit, sich Sherlocks Deduktionen anzuhören. "Schon gut, vergessen Sie's! Und nein, erst in einer halben Stunde."
 
Das stimmte nicht. Genau genommen lief die Serie seit zehn Minuten. Aber das konnte er nun unmöglich wissen, oder? Er hatte ja nicht mal einen Fernseher! Und außerdem war sie wegen wichtigeren Dingen hier. Sherlock warf jedoch nicht mal einen Blick auf die Zeitung, sondern drehte den Kopf weg wie ein unwilliges Kleinkind. Und wie bitte? Keine Zitate? Sie hatte doch überhaupt nichts zitiert.
 
"Bitte, Sherlock, sehen Sie es wenigstens mal an! Es ist ein Fall, ein echter Fall. Ich beauftrage Sie sozusagen damit." Über die Bezahlung konnten sie ja noch reden. "Es wird Ihnen guttun, mal wieder unter Leute zu kommen."
 
Auch wenn er sich vorher ausgiebig würde duschen und umziehen müssen, damit die Polizisten und Bankangestellten nicht in Ohnmacht fielen. Doch Sherlock war wirklich ein harter Brocken. Und so tat Martha, was sie am besten konnte. Langsame, schwere Schritte zu einem der Sessel, in den sich dann mit einem Seufzen hinein sinken ließ.
 
"Als hätte ich Sie jemals um irgendetwas gebeten…" Kaum mehr als ein Murmeln, und doch gut hörbar. Dann folgte ein leises Schniefen und ein paar mühsam unterdrückte Schluchzer. "Sie sind Charles' einzige Hoffnung!"
[Bild: o6vfhsl7.png]
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#6
"Das habe ich schon längst", brummte der Brite in seinen Bademantelkragen, auch wenn auf ihre Frage hin augenblicklich sein Denkapparat einen Sprung gemacht hätte; gerade so, als wenn jemand aus Versehen das Gaspedal eines Rennwagens gestreift hatte. Ein kurzer Moment, schnell wieder verflogen und mehr ein Reflex, als wirklich tiefe Intention, seiner Vermieterin etwas demonstrieren zu müssen. Sie kannte seine Möglichkeiten... Hatte schon von seiner außergewöhnlichen Begabung mehr als nur profitiert und deutlich verbessert.
Dennoch... Etwas störte ihn.
Sie behauptete, dass ihre Sendung in einer halben Stunde erst beginne? 3 Glockenschläge...
Es war eindeutig einige Minuten nach 3. Er hatte die Glocke des Glockenturms des Palace of Westminster, auch in seinem tranceähnlichen Zustand durchaus wahrgenommen.
Würden die Leute nur etwas belesener sein, wüssten sie, dass lediglich nur die größte der insgesamt 5 Glocken Big Ben heißt und nicht der ganze Glockenturm...
Kein Glockenspiel...
Die Viertel Stunden-Glocken hatten noch nicht geläutet.
Eindeutig eigentlich Zeit für ihre Sendung...

Sherlock presste die Augenlider noch etwas intensiver aufeinander um die Deduktionskette in eine mentale Schublade mit der Aufschrift "Abfall" zu verschieben. Wenn auch nur in diesem Fall.
Mentalen Ballast löschen.
Durchaus praktisch. Es erleichterte das Fokussieren auf wesentliche Dinge.
Wieso war es auf einmal hier so kalt?!
Ach ja, Mrs. Hudson beschwerte sich über das Raumklima, das vollkommen stabil war. Fern von Schimmel. Die einzigen Schimmelkulturen waren derzeit in der Küche.
Neben dem Kühlschrank. Ihnen geht es nicht gut. Zu trockene Luft.
Ich sollte die Heizung abstellen... Wenn ich wieder aufstehe... Irgendwann...
Unter Leute? Was soll ich unter Leuten...
Mich von ihrer Dummheit ausbremsen lassen?

Der Mann stellte seine Ohren auf Durchzug, auch wenn es schwer war die eindringliche Stimme der älteren Frau zu ignorieren. Sie schaffte es eine Frequenz anzuschlagen, die es durch seine akustischen Barrieren hindurch schaffte.
Besonders, wenn sie auf einmal diesen weinerlichen Tonfall einschlug...

Empört drehte sich der Detektiv nun doch um und verzog fast angewidert das Gesicht.
"Also bitte Mrs. Hudson. Die Mitleidsnummer? Bei mir???
Wieso drohen Sie mir nicht eher noch mit einer Zwangsernährung durch Ihre Ingwerkekse. Das wäre vergleichsweise erfolgsversprechender, auch wenn ich meinen Würgreflex nach Belieben beeinflussen kann."


Doch nun hatte die Frau ihren Willen bekommen und seine Aufmerksamkeit.
Natürlich fiel sein Blick automatisch auf die Zeitung. Er konnte das nicht abstellen. Seine periphere Sicht war...
"Daily Mirror???
Seit wann lesen Sie diese denn???
Und Harry trifft dieses Mal ausnahmsweise keine Schuld; es war der Bodyguard."

Dass sich die Presse über den Prinzen wieder einmal das Maul zerriss und dabei mit Halbwahrheiten um sich warf war einer der Gründe, weshalb er besonders die Schlagzeilen am liebsten mied.
[Bild: 30150124xf.jpg]
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#7
"Ich weiß überhaupt nicht, was Sie meinen.", erwiderte Martha mit einer Spur Empörung, aber doch einer wesentlich größeren Menge Verwirrung in der Stimme. "Und meine Ingwerplätzchen sind lecker. Fragen Sie jeden!"
 
Mrs. Hudson war ja wirklich keine eingebildete Person, aber dass sie gut kochen und backen konnte, wusste sie einfach. Sherlock würde das schon noch irgendwann einsehen. Mitleidsnummer? Also wirklich! Sie reckte das Kinn vor, wie um zu zeigen, dass sie ganz sicher nicht auf Mitleid angewiesen war und betastete das dauergewellte Haar, um eine Perfektion wiederherzustellen, die nie verloren gegangen war. Es war obendrein ja wohl Sherlocks Schuld, dass sie sich so ins Zeug legen musste, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Würde er einfach mal tun, was man ihm sagte, wäre vieles einfacher. Und davon abgesehen, es hatte funktioniert, nicht wahr? Sherlock hatte sich ihr zugewandt. Das nannte man heutzutage doch Win-Win-Situation.
 
"Normalerweise lese ich die auch nicht. Aber an dieser Schlagzeile konnte ich einfach nicht achtlos vorbei gehen." Für einen Moment schlich sich dann ehrliche – keine gespielte – Verwirrung in ihre Züge und Martha blinzelte ihren Mieter an. Harry? Rays Stiefvater hieß Charles und hatte aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt keinen Bodyguard. Es dauerte ein oder zwei Sekunden, bis der Groschen fiel. "Ach, was kümmern mich die Royals?! Es geht um den Bankraub. Hier!"
 
Ungeduldig tippte Martha mit dem Zeigefinger auf den Abschnitt und hielt Sherlock die Zeitung hin. Doch davon abgesehen, seit wann kümmerte sich ihr Mieter um solche Sachen wie die Königsfamilie? War das nicht unterhalb seines IQs? Genauso wie die Tatsache, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Ja, Martha Hudson hatte ihre Augen und Ohren überall…
[Bild: o6vfhsl7.png]
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#8
"Natürlich wissen Sie das nicht.
Wieso wundert mich das nicht?!"

Dieses Mal ergab er sich in der Dummheit seiner Umwelt. Ihm war so öde, dass er nicht einmal die Energie aufbrachte, um einfach nur mit vor Arroganz triefender Entrüstung zu reagieren; stattdessen waren seine Worte lediglich in den Kragen seines Mantels gemurmelt, fast schon als wenn er sie an sich selbst richten wollte.
Die Plätzchensache kommentierte er auch nicht weiter. Das Argument, dass jeder - was für eine schwachsinnige Aussage, als wenn die gute Hudson Zeit und Ressourcen hätte, um jedem Menschen auf Erden eines ihrer Gebäckstücke könne zukommen lassen (in diesem Fall natürlich noch bevor sie so steinhart wurden, dass man sie getrost als Mordwaffe benutzen konnte) - also dass jeder bezeugen könne, wie gut ihre Plätzchen also seien, war...
Typisch menschlich und so...
Kurz regte sich tatsächlich wieder dieser kleine Unmutsfunken, den es ab und an einfach brauchte, ihm in dem jungen Mann den Wandel von lethargischem Couchpotatoe zu hyperaktivem Spürhund zu vollführen.
Aber der Funke verpuffte wieder. Wahrscheinlich wegen des kalten Windhauchs von draußen, der Sherlock sich noch mehr in seinen Mantel mummeln ließ.

Dann aber schaffte die alte Dame es wirklich ihn dazu zu bewegen, sich etwas zu rühren.
Natürlich nur, weil der Brite es selbst sich zugestand und sicherlich nicht, um Martha einen Gefallen zu erweisen. Aber die "Ich ignoriere das Problem einfach, bis es von selbst verschwinden"-Nummer hatte leider an dieser Stelle nicht gewirkt. Ergo: Augen zu und durch.
Klatschpresse... Ekelerregend gewöhnlich.
Der Ausdruck war dementsprechend deutlich in seinem Gesicht abzulesen, bis Mrs. Hudson ihn auf das eigenentliche Thema mit einem Fingerzeig aufmerksam machte.

Kurz wanderte sein Blick über die geschriebenen Zeilen und schon begannen sich seine Augäpfel in einem akkuten Anfall von aufkommenden "Langeweile"-Brechreiz zu verdrehen, dicht auf gefolgt von einem gequälten Stöhnen, dass er tatsächlich wertvolle Sekunden seines Lebens dafür geopfert hatte, als in seiner Perepherie er etwas auf dem kleinen Foto erblickte, das den Tatort zeigte.
Gerade noch hatte er sich in einer Bewegung demonstrativ wieder herum werfen wollen, verharrte dann aber in einer fast schon abstrusen Haltung, riss seiner Vermieterin die Zeitung aus der Hand und begann abermals die Zeilen zu über fliegen, während die ganze Zeit seine Aufmerksamkeit zwischen Foto und Worten hin und her flitschte, als wenn sie nicht in der Lage wäre sich für eine Quelle zu entscheiden.
"Oh... Das ist wirklich interessant..."

Er sprang wie ein Frosch empor und dann auf die Couch, die Zeitung immer noch von seinen schlanken Fingern umgriffen, während sich allmählich ein Strahlen auf seinem Gesicht breit machte, begleitet von einem ungebendigtem Funkeln in den graublauen Augen.
"Sehr interessant!", raunte er nun atemlos, um dann mit einem Satz neben die alte Witwe zu springen.
"Mrs. Hudson!!! Rufen Sie mir ein Taxi!", rief Sherlock wie ein General und der nun achtlos auf den Boden fallen gelassenen Zeitung folgte der Bademantel, der so nun den Blick auf den hageren Oberkörper des Detectives preis gab. Aber Gott Lob war Winter, sodass die rüstige Rentnerin nicht mit einem komplett blank gezogenem Holmes konfrontiert wurde; wobei das dann ohnehin nicht das erste Mal gewesen wäre.
[Bild: 30150124xf.jpg]
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#9
Der Stimmungsumschwung ihres Mieters kam plötzlicher als ein Regenguss an der englischen Südküste und Martha quietschte kurz erschrocken auf, als Sherlock ihr die Zeitung entriss. Mit so einer heftigen Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Sie starrte ihn mit großen Augen an.
 
"Ist es?" Also, interessant? Sie hatte ja schon irgendwie gehofft, dass er sich der Sache annehmen würde… Aber interessant? Interessant konnte ein simpler Bankraub für Sherlock doch kaum sein. Schließlich kannte er Charles doch gar nicht und konnte dementsprechend kaum mit Marthas Überzeugung sagen, dass er unschuldig war. Oder doch? Genügten etwa ein Foto und ein kurzer Zeitungsartikel, dass er Charles' Unschuld erkannte? "Dann glauben Sie mir also, dass Charles unschuldig ist? Oh, Gott sei Dank!"
 
Jetzt würde sich alles aufklären. Wie ein Frosch auf Ecstasy sprang er vom Sofa und Martha hätte fast den Morgenmantel im Gesicht gehabt, ehe dieser achtlos zu Boden glitt und das unwürdige Klatschblatt gnädig von Blicken abschirmte. Sherlock stürmte los und Mrs. Hudson konnte nur hoffen, dass das Bad sein Ziel war. Eine Dusche wäre wirklich angebracht. Doch wie auch immer es nun weitergehen würde, der junge Mann hatte seine Liegestatt verlassen, die nun schon viel zu lange sein Aufenthaltsort gewesen war. Leben kehrte in den hageren Körper zurück und ein leichtes, wissendes Schmunzeln glitt über die faltigen Züge der Rentnerin. Sie stand auf, hob den Bademantel auf und legte ihn ordentlich zusammengefaltet auf die Couch. Die Zeitung fand ebenfalls ihren Weg vom Fußboden auf einen kleinen Beistelltisch.
 
"Na schön, ich rufe Ihnen ein Taxi.", rief sie dann ihrem Mieter hinterher. "Aber das ist eine Ausnahme; schließlich bin ich nicht ihre… Sekretärin!"
 
Das Lächeln wollte ihr den ganzen Weg die Treppe hinunter nicht von den Lippen weichen. Sherlock war zurück.
 
--- Ende ---
[Bild: o6vfhsl7.png]
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